Kunos Kuppel

Steiniger Weg zum «weissen» Geld

21. Mai 2013 von Kuno Hämisegger

Auch heute möchte ich Sie auf einen interessanten Artikel in der NZZ hinweisen. Diesmal vom Samstag 18. Mai:

 

Steiniger Weg zum «weissen» Geld

Unklare Regeln führen zu chaotischen Zuständen in den Offshore-Teams der Banken

Eigentlich möchten die Schweizer Banken nur noch deklariertes Geld betreuen. Der Weg dahin ist aber sehr schwierig und nicht für alle Kunden sinnvoll.

Zoé Baches

«Schweizer Banker, die heute grenzüberschreitend ausländische Kunden betreuen, können ihre eigentliche Arbeit fast nicht mehr machen», erklären Kundenberater verschiedener Banken. Man wisse nicht mehr, welche Regeln für die Annahme und Betreuung von ausländischen Geldern gälten. Dauernd würden neue Weisungen erlassen, doch seien diese in der Praxis oft nicht anwendbar. Dazu befragte Banken, die sich namentlich nicht äussern möchten, bestätigen, dass die heutige Situation für Bank, Banker und Kunden eine sehr schwierige sei.

Schalter über Nacht gekippt

Im Offshore Banking tätige Schweizer Banken bewegen sich heute auf rechtlich unsicherem Boden. Grund dafür sind anstehende politische und regulatorische Entscheidungen darüber, wie künftig mit den fiskalischen Pflichten der ausländischen Kunden umgegangen werden muss. Die an mehreren Fronten geführten Diskussionen zum Thema sowohl mit dem Ausland als auch innerhalb der Schweiz wurden jüngst weiter verkompliziert durch die Aussage des Bundesrates, auch über einen automatischen Informationsaustausch zu diskutieren.

Bis zum Vorliegen eines Gesetzes beziehungsweise einer Regelung lägen diese Fragen im Verantwortungsbereich jeder einzelnen Bank, erklärt denn auch die Schweizerische Bankiervereinigung. Allerdings sollte allen Banken klar sein, dass im Lichte der Entwicklungen der letzten Jahre die Steuerkonformität der Kundschaft einen hohen Stellenwert geniessen sollte.

Das wissen alle Akteure auf dem Finanzplatz Schweiz. Der Schalter wurde denn auch bei vielen praktisch über Nacht von «Steuern kein Thema» auf «nur noch deklariertes Geld» umgestellt. Auf dem Papier lese sich das einfach, in der Praxis werde jetzt aber komplett übertrieben, monieren Berater.

«Heute muss ich jeden meiner Kunden primär als möglichen Steuersünder betrachten», so ein Banker. Bis ein Konto eröffnet oder neues Geld aufgenommen werden könne, müssten Unmengen an Formularen vorgelegt und unterschrieben werden. Stammt das Geld beispielsweise aus einem Hausverkauf, müssen der Vertrag und dessen Beglaubigung beigebracht werden. Dokumente in Fremdsprachen müssen übersetzt werden, und die Übersetzung ist zu bestätigen. Ist das Geld endlich auf einem Konto bei der Bank, geht der Papierkram weiter. Alle paar Monate muss jedes Kundendossier erneut durchleuchtet werden.

Angefragte Finanzhäuser bestätigen die deutlich gestiegenen administrativen Auflagen. Im Zentrum steht die schriftliche Bestätigung jedes Kunden, dass er um die Steuerpflichten in seinem Domizilland Bescheid weiss. Nur so kann sich die Bank vor steuerlichen Risiken schützen. Berater bezweifeln, dass dergestalt die im Schweizer Private Banking bis anhin wichtige Vertrauensbeziehung zwischen Kunde und Bank aufrechterhalten werden kann.

Ein Banker betont, dass sich im Ausland tätige Banken weiterhin überhaupt nicht für die steuerlichen Belange ihrer Kundschaft interessierten. Mit der Flut an Formularen und den vielen Abklärungspflichten drohen demnach die Schweizer Banken ins Hintertreffen zu geraten. Sicher ist, dass der Aufwand für die Betreuung von Offshore-Kunden deutlich zugenommen hat.

Zwei Hüte der Banken

Weniger umstritten, aber letztlich deutlich heikler schätzen Fachleute den Umgang mit den unversteuerten Geldern auf den Bankkonten ein. Hiesige Banken tragen zwei unterschiedliche Hüte, je nachdem, aus welchem Land ihre Kundschaft stammt. Zum einen gibt es für Kunden aus den USA und – seit dem Scheitern der Abgeltungssteuer – auch aus Deutschland, keinerlei Pardon. Lehnt der Kunde eine Selbstanzeige ab, muss er sich eine neue Bank suchen. Vorsichtig sind Banken auch im Umgang mit Kunden aus EU- und OECD-Ländern.

Zum andern erfahren Kunden eine differenzierte Behandlung, deren Heimatländer weniger strenge lokale Steuergesetze haben oder deren Regierungen wenig Interesse an einer Durchsetzung zeigen. Dazu gehören die Länder Lateinamerikas, die Golfstaaten, asiatische Länder, aber auch Südafrika oder Russland. Diese Kundengelder sind traditionell oft undeklariert. «Abwarten und hoffen, dass Steuern dort kein Thema werden», so beschreiben Banker die Stimmung in den Beraterteams. Die Banken selbst bestätigten, dass das Steuerthema «je nach Markt und je nach Kundenstruktur vehementer oder eben weniger brachial» angegangen werde.

In der Praxis kann das bedeuten, dass die meisten Kunden klaglos ein Formular unterschreiben und damit bestätigen, sich steuerkonform zu verhalten. Banker zweifeln oft am Wahrheitsgehalt dieser Unterschriften. Im Zweifelsfall müssten sie ihren Chef darüber informieren, und im Extremfall müsste man sich sogar vom Kunden trennen. «Das habe ich noch nie getan – genauso wenig wie die Kollegen», sagt ein Berater, der primär aussereuropäische Kunden betreut.

Die Angst vor dem Verlust von Kunden ist sicher ein Grund für dieses Vorgehen. Als gewichtiger beschreiben Berater aber die oft komplizierte Situation von Kunden. «Ein südamerikanischer Kunde sagte mir, sobald er das Geld in seiner Heimat melde, müsse er damit rechnen, dass sein Kind entführt oder er sonst erpresst werde», so ein Banker.

«Vorstellung nicht umsetzbar»

Martin Maurer, Geschäftsführer des Verbandes der Auslandbanken, betont, dass es ausserhalb von Nordeuropa nicht viele Länder gebe, die sauber mit derartigen Daten umgingen, unabhängig davon, wer dort dort an der Macht sei. Die nordeuropäische Vorstellung, jeden Offshore-Kunden gleich zu behandeln, sei viel zu einfach und in weiten Teilen der Welt nicht umsetzbar. Maurer plädiert deshalb für eine Klausel auf politischer Ebene, die besagt, dass eine Bank im Einzelfall selbst abwägen kann, ob das Persönlichkeitsrecht oder das Steuerrecht höher gewichtet werden soll.

Ein Banker fordert, dass sich Schweizer Institute vermehrt auf ihr Kerngeschäft, die Vermögensanlage, konzentrieren. Vom bisherigen Ansatz einer Rundumbetreuung sei abzukommen. Das ist schwierig. Wie soll eine Bank umgehen mit dem Wunsch eines arabischen Kunden, der mit einer Stiftung in Liechtenstein sicherstellen will, dass nach seinem Tod alle Kinder den gleichen Anteil am Vermögen erben? Denn im Grunde umgeht er so die Scharia in seiner Heimat, die fordert, dass der älteste Sohn bei der Erbfolge bevorzugt wird. Das sind Fragen, die bald geklärt werden sollten. Fest steht, dass immer mehr Länder auf eine Politik der versteuerten Gelder umschwenken werden.

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